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Zeitdiebe kann man nicht fangen - eine Polemik

8. Januar 2017, 22:31pm

Veröffentlicht von Wolfgang Hamm

Sicherlich, Sprache ist metaphorisch, Bilder, griffige Formulierungen sollen den Kern herausarbeiten, Lösungen auf den Punkt bringen - und dabei den Kunden ernst nehmen, ihm Nutzen bieten.

"Fassen Sie die Zeitdiebe!", "Wenn die Zeitfresser kommen!"  "Nutzen Sie Ihre Zeit optimal aus!" "So sparen Sie Zeit!  "Keine Zeit im Büro? Dann wurde sie gestohlen!"  "Endlich  Schluss mit der Aufschieberitis, besiegen Sie den inneren Schweinehund!" "Verschenken Sie nichts von ihrer kostbaren Zeit, denn Zeit ist Geld!"

Womit habe ich, haben wir uns seit Jahren immer wieder  solche und  ähnliche Aussagen, sei es in Blogs, als Tweets, auf Websites und anderen Veröffentlichungen verdient?

Da frage ich mich schon, ob ich zu kritisch, möglicherweise ein Pedant bin? Einer der die Gesetze des Marktes, schon garnicht die des Marketings er- oder anerkennt? Wie ist sonst meine Unzufriedenheit, um es zurückhaltend zu formulieren, mit diesen und ähnlichen Aussagen zu erklären, die ich tagtäglich im Zusammenhang mit Arbeitsorganisation, mit Zeitmanagement lese.  

Jedem Menschen, und hier ist diese Verallgemeinerung angemessen, der sich auch nur oberflächlich mit dem Thema beschäftigt hat, ist völlig klar: Zeit läßt sich weder sparen noch stehlen und auch nicht fressen. Es ist weder möglich täglich eine oder mehrere Stunden zu gewinnen oder zu verlieren, noch Zeit zu verschleudern oder zu verschenken. Und zur allgemeinen Beruhigung: Zeit kann nicht gestohlen werden - Zeitdieb ist daher   eine unsinnige Berufswahl. Zudem nochmal in aller Deutlichkeit, da es leider immer wieder breitgewalzt wird: Zeit lasse sich sparen ist eine ebenso beliebte wie unsinnige Feststellung, die nur noch von dem unseeligen "Zeit ist Geld" übertroffen wird.

Denn, und das scheint für manche Menschen immer noch völlig überraschend so zu sein, jeder Mensch hat exakt die gleiche Zeit zur Verfügung: genau 24 Stunden. Daran lässt sich mit keiner Technik der Welt etwas ändern, da helfen keine Tricks, keine ultimativen Tipps, wie Zeit zu sparen sei, kein erfolgreicher Kampf mit dem angeblich vorhandenen inneren Schweinehund.

Viele Erfolgscoaches, Zeit-, Selbstmanagement- und (wie sie sich auch sonst betiteln) Experten, Trainer, bedienen sich gleichwohl fortwährend dieser Begrifflichkeiften. Sie versprechen, der schnelle Erfolg sei möglich, wenn der Kunde nur diszipliniert genug ihre Anweisungen umsetzt - die in der skizzierten Weise gebetsmühlenartig wiederholt werden.

Gerade weil ich die Wirkung der griffigen Beschreibungen nicht verkenne, die Verlockungen durchaus verstehe, es allemal einfach scheint, Erfolgsstrategien anzupreisen, die gewährleisten den Zeitdieb zu fangen, den vermeintlichen inneren Schweinehund zu besiegen (anstatt die eigenen Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen und wirklich etwas zu verändern) sei die Frage erlaubt: Wie ernst werden da Menschen in ihrer Not, mit ihrer Problematik genommen? Wieviel, genauer wie wenig, Wertschätzung der Menschen scheint in der Strategie auf? Wie weit ist dies alles, so frage ich mich, von den Worthülsen in anderen Bereichen, zum Beispiel auch  dem politischen Bereich entfernt, von denen wir uns nur zu gerne distanzieren, denen wir jede Glaubwürdigkeit absprechen. Möglicherweise wäre es da ein guter Beginn, vor der eigenen Türe zu kehren, die eigene Sprache kritisch zu untersuchen. 

Der Satz "In der Art, wie wir den Weg gehen, muß das Ziel erkennbar sein!" bietet als Kompass in diesem Zusammenhang Orientierung, wirkt sinnstiftend.  

 

 

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